Jocelyne Lopez hat geschrieben:girl friday hat geschrieben:
Ob Assistenzärzte regelmäßig Doppelschichten fahren und übermüdet sind, ob das schlecht bezahlte Pflegepersonal Überstunden macht und überfordert ist, ob den Patienten statt Essen etwas vorgesetzt wird, das aussieht, als hätte ein Hund es wieder ausgespuckt, interessiert konfessionelle Träger hingegen genauso viel bzw. wenig wie städtische ....erst bei der Sorge um Glaube und Sitte zeigt sich der wahre Unterschied!)
Dazu möchte ich eine Erinnerung aus meiner Kindheit ausgraben:
Ich bin vorwiegend in von Nonnen geführten Internaten großgeworden (in Frankreich fundieren katholische Internate als Kinderheim).
Vor und nach jeder Mahlzeit haben wir gemeinsam ein kurzes Gebet gesungen. Ich weiß noch von einem davon, sogar noch die Melodie. Es ging so:Bénissez-nous, Seigneur,
Bénissez ce repas et ceux qui l’ont préparé,
Et procurez du pain, à ceux qui n’en n’ont pas.
Ainsi-soit-il
In Deutsch:
Segnen Sie uns, Herr,
Segnen Sie diese Mahlzeit und diejenige, die sie vorbereitet haben,
Und geben Sie auch Brot denjenigen, die keins haben.
Amen
gefolgt von dem Lärm von Duzenden hastig geschobenen Stühlen.
Bei dem Vers „Segnen Sie diese Mahlzeit und diejenige, die sie vorbereitet haben“ musste ich immer an diejenige denken, die eben unsere Mahlzeiten vorbereitet haben: Das waren die „soeurs de la cuisine“, die „Küchennonnen“. Wir kannten sie nicht, nur vom Aussehen, wenn wir gemeinsam vor und nach den Mahlzeiten in den Esssaal durch die Großküche gingen, oder aus der Kapelle. Wir hatten nie mit den zu tun, wir sprachen sie nie an, sie sprachen uns nie an, wir kannten nicht einmal ihre Namen. Es hat mich immer beeindruckt, wie sie im Lärm und Hitze und Dampf in der Großküche immer hektisch am Arbeiten waren, sie waren immer rot im Gesicht, um leichter zu arbeiten, haben sie ihre sperrigen Hauben und ihre breiten Ärmel mit Wäscheklammern zurückgehalten, ich dachte mir, dass sie bestimmt unter der Hitze gelitten haben, vor allem im Sommer, wenn es schon draußen kaum erträglich war. Sie waren immer rot im Gesicht, wir kannten ihre Namen nicht, wir sprachen sie nie an, sie sprachen uns nie an. Ich wäre nicht gerne an ihre Stelle gewesen.
Seitdem haben in meinem Leben sehr viele anderen Menschen meine Mahlzeiten vorbereiten, deren Namen ich nicht mal kenne, und es ist mir bis heute noch nicht möglich, mich über eine Mahlzeit zu beklagen, auch wenn sie mir nicht besonders geschmeckt hat.
Viele Grüße
Jocelyne Lopez
Sehr schön erzählt, Jocelyne, und ich sehe auch, was du meinst.
Häufig wäre es tatsächlich eine Respektlosigkeit gegenüber dem Koch/den Köchen, sich über eine Mahlzeit zu beklagen.
Jedoch liegt in der unannehmbaren Qualität von Speisen eben umgekehrt auch manchmal eine Respektlosigkeit gegenüber denen, die sie essen sollen. Insbesondere, wenn es sich dabei um Kranke oder Alte handelt.
