Lieber Ernst,
nun, jetzt klaue ich mir etwas Zeit, um Dir zu antworten.
Nach lange Überlegung kam ich zu dem Schluss, dass wir erneut über Definitionen streiten. Natürlich habe ich nach einer Lösung gesucht, wo ich recht bekommen hätte – rein phänomenologisch komme ich aber nicht weiter.
Beide Erklärungen sind gleichberechtigt und führen zu gleichem Ergebnis. Vielleicht bei umständlicher Berechnung könnten Differenzen sich zeigen.
Beide Erklärungen sind rein nach der Newtons MechanikDie überwiegende Meinung (Erklärung) basiert auf die Zentrifugalkraft – und extra für Harald – auch in der modernen Physik – siehe z.B.
Physik I – Mechanik und Wärme, Band 1, Ausgabe 10 – 2005 von drei Physik-Professoren (Dransfeld, Kienle, Kalvius) – Seite 147:
„
Die Summe von Gravitations- und Zentrifugalkräften nennt man Gezeitenkräfte. Sie sind verantwortlich für Ebbe und Flut.“
Sogar in Wiki ist die Zentrifugalkraft als Ursache gegeben.
Die einzige Differenz, wie ich denke, ist: Von einfachem freien Fall, d.h. v=0, bis stabiler Orbit, kann man mit freiem Fall und, oder mit Trägheitskräften erklären. Ab dieser Geschwindigkeit wird die Erklärung mit freiem Fall ziemlich abwegig. Hier ist eine Erklärung mit Trägheitskräften vorteilhafter. Auch bei stabiler Orbit müsste man die Erklärungen mit Zentripetal- und Zentrifugalkraft bevorzugen, da wesentlich anschaulicher.
Falsch in jedem Fall ist die Behauptung, die Gezeiten, Planeten- und Satellitenbahnen seien
nur als freien Fall zu betrachten, bzw.
nur aus der alleinigen Wirkung der Gravitation zu erklären.
Zu Newton: - ich habe mir Mühe gegeben und fast eine Stunde lang in der Übersetzung gestöbert – eine Erklärung mit freiem Fall habe nicht gefunden, glaube Dir aber. Aus dem anderen Link – „die Bewegungen der Planeten selbst als einen
Sonderfall des freien Falls zu sehen.“
Und deswegen auch mein Widerstand – unter „freiem Fall“ verstehen alle, wie ich auch zitiert habe, einen Fall, wo nichts anderes im Spiel wäre und nicht, wo der freie Fall eine der Komponenten der Bewegung wäre.
Was „Scheinkräfte“ betrifft und unabhängig davon, welche Kräfte darunter man allgemein einordnet, werde ich Dir meine Sichtweise erklären:
Wirklich Scheinkräfte: Das Beispiel mit dem bremsenden Auto: Auto bremst, Katze fliegt nach vorn. Für den mitreisenden Fahrer erfährt die Katze eine „Kraft“ – das ist jedoch nicht der Fall, die Katze erfährt keinerlei Kraft, sie bewegt sich inertial weiter. Das Auto erfährt die Kraft. D.h. nicht nur aus der Sicht des Inertialbeobachter, sondern auch wirklich wirkt keine Kraft an die Katze. Genau so ist auch mit der Corioliskraft – die Kugel erfährt keinerlei Kräfte und fliegt unbeirrt inertial weiter. Der sich mitdrehende Beobachter meint aber, eine Kraft lenke die Kugel seitlich. Bei diesen Beispielen spielt die Masse des Körpers keine Rolle – die Bahn der Bewegung ist gleich.
Reale „Scheinkräfte“: Actio = Reactio – es besteht ein direkter Kontakt zwischen den Körpern, es besteht Kraftwirkung, Kraftaustausch, wenn auch in der Summe = 0. Es ist die Masse, die sich gegen eine Geschwindigkeitsänderung wehrt. Es sind die Trägheitskräfte, die von der Masse abhängig sind. Die Katze landet an die Frontscheibe und jetzt wird mitgebremst (der Schlag aus der entgegenkommenden Frontscheibe wird nicht betrachtet). Das Auto übt eine Bremskraft (real, direkt, zentral, eingeprägt, lebendig, nähwirkungs) auf die Katze, die Katze aber auch entgegengerichtet und
gleichberechtigt aus seiner Masse (Trägheit) auf die Scheibe. Diese Kraft kann man messen und verschwindet nicht durch BS-Wechsel. Genauso ist der Fall mit Zentripetal- und Zentrifugalkraft – mit welcher Kraft die zentripetale wirkt, mit gleicher wehrt sich die zentrifugale. Beide können durch BS-Wechsel nicht verschwinden, beide sind gleichberechtigt, beide sind von der Masse abhängig.
Wie wäre es mit zwei entgegenbeschleunigte Kugeln, den Stoß und was vorher war, lassen wir bei Seite, die Kugel haben unterschiedliche Masse oder aber auch unterschiedliche Geschwindigkeit gehabt. Nun, welche Kraft ist jetzt die reale und welche die scheinbare? Sind nicht beide real? Welches Bezugssystem wäre bevorzugt, um sagen zu können, die Kraft aus Kugel 1 ist real, die Kraft aus Kugel 2 aber scheinbar.
Und wenn Du diese gleichberechtigte Kraft als nur ein Mathe-Term abtust, habe ich schon was dagegen. Mit Mathe-Term kannst Du nur die wirklichen Scheinkräfte – s. oben – beschreiben, doch nicht aber die Trägheitskräfte, die wirken, die von der Masse abhängen, die durch BS-Wechsel nicht verschwinden.
„Siehst du da außer der einen Kraft P noch irgendeine andere? Wohl nicht. Nun stelle um
P = m*b
Da steht nun rechts ein Therm mit der Dimension einer Kraft. Kann man durch Formelumstellung Kräfte erzeugen. Wohl nicht. Daher bezeichnet man diesen mathematischen Therm als Scheinkraft.“
Was Du damit ausdrücken willst, bleibt mir verborgen. Auf der rechten Seite steht die Äquivalenz der linken Seite. Man kann es auch so ausdrücken:
P = m*b = m*P/m = P. Nun, welche der beiden P ist jetzt real und welche scheinbar?
Alles klar?
Liebe Grüße
Ljudmil