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Das Problem der Gleichzeitigkeit
Nach Einstein müssen in einer Physik, die mit konstanter Lichtgeschwindigkeit rechnet, «überkommene Vorurteile über Raum und Zeit» aufgegeben werden. Lorentz hatte mit der Veränderung räumlicher und zeitlicher Maße schon den Weg dazu gewiesen. Er hatte aber ebenso wie Poincare den absoluten Raum und die absolute Zeit nicht angetastet. Einstein tat nun wieder einen radikalen Schritt, offenbar eine der «herrlichen Ideen», von denen er gesprochen hatte. Was bei seinen Vorgängern nur ein Rechenkunststück war, sollte zur Beschreibung der Wirklichkeit werden. Im Einklang mit der positivistischen Philosophie, die er vermutlich nur durch Mach kannte, sagte Einstein, daß Raum und Zeit keine apriorischen Gegebenheiten seien, wie es Newton und Kant gelehrt hatten, sondern der Erfahrung entspringen. Daher müssen sie experimentell definiert werden. Als einziges Mittel der Zeiterfahrung erklärte Einstein die Ablesung von Uhren. Wenn nur beobachtbare Größen verwendet werden sollen, so ist Zeit nur in einem engen örtlichen Bereich bestimmbar, der die direkte Ablesung einer Uhr gestattet. Jedes System hat nach Einstein nur seine Ortszeit. Von der Zeit im Nachbarsystem hat es zunächst keine unmittelbare Kunde. Wenn zwei Ereignisse in den beiden Systemen als «gleichzeitig» gelten sollen, müssen zunächst die Uhren in beiden Systemen synchronisiert werden. Von Gleichzeitigkeit kann man sprechen, wenn die Zeiger zweier solcher Uhren die gleiche Stellung zeigen. Eine Gleichzeitigkeit zweier entfernter Ereignisse ohne Uhrenablesung anzunehmen, ist nach Einstein unzulässig. Nur am Ort des Beobachters stattfindende Ereignisse sind a priori gleichzeitig.
Uhren-Synchronisierung mit Lichtsignalen
Die Uhren in zwei Nachbarsystemen A und B sind nach Einstein mit Hilfe von Lichtsignalen zu synchronisieren. Er gibt dafür eine genaue Vorschrift. Ein Lichtstrahl wird von A nach B gesandt; dort wird er an einem Spiegel reflektiert und kehrt nach A zurück. Die Zeitdifferenz in A ist nach der Formel t’A – tA=2AB/c zu normen, wo tA der Zeitpunkt der Aussendung des Signals, t'A der Zeitpunkt seiner Rückkehr, AB die Entfernung zwischen den beiden Orten und c die Lichtgeschwindigkeit von 300 000 km/sek ist. Die Uhr in B ist nach der Gleichung t'A - tB einzuregulieren, wo tB der Zeitpunkt der Ankunft des Signals in B ist. Die Vorschrift beruht auf der Voraussetzung, daß die Lichtgeschwindigkeit auf dem Hin- und Rückweg konstant, d. h. daß sie in allen Richtungen und unabhängig von der Distanz gleich ist. Wenn die Zeitbeziehung zwischen A und B auf diese Weise hergestellt wird, lugt allerdings die absolute Zeit hervor. Es muß doch von vornherein angenommen werden, daß der Lichtstrahl in B später ankommt, als er von A abgeht. Das folgt auch daraus, daß die Aussendung kausal für die Reflexion ist; die Ursache liegt vor der Wirkung. Wenn es a priori ein «früher» und ein «später» gibt, ist nicht einzusehen, warum es nicht a priori auch ein «gleichzeitig» geben sollte. Der Lichtstrahl bewegt sich in einem beiden Systemen gemeinsamen Raum und einer beiden gemeinsamen Zeit. Er bewegt sich nach Gesetzen, die in einem absoluten Raum und einer absoluten Zeit festgestellt wurden. Sonst könnte man gar nicht annehmen, daß er sich geradlinig bewegt, daß der in B reflektierte Strahl wirklich der von A ausgesandte ist und die Geschwindigkeit c besitzt. Der Lichtsignalvorschlag beruht auf Erfahrungen, die in der absoluten Zeit gewonnen wurden. Er setzt die absolute Zeit voraus und kann keinen neuen Zeitbegriff schaffen (Den Lichtsignalvorschlag zur Uhrenregulierung hatte schon Poincaré gemacht, aber die absolute Zeit beibehalten). Dieser wird auch überflüssig (Nordenson 1969, S. 38, 43). Hier liegt der Erbfehler der Relativitätstheorie, der sich durch alle ihre Konsequenzen zieht. Es ist Einstein nicht gelungen, die absolute Zeit auszuschalten und eine neue, nur auf unmittelbarer Erfahrung beruhende Zeit zu begründen. Er bittet Kant in einer Tagebuchnotiz, ihm zu verzeihen, daß er die Kantsche Welt zerstört habe. Er hat aber Kant gar nicht begriffen. Kants Satz, daß Erfahrung nur in einem vorgegebenen Rahmen von Raum und Zeit stattfinden kann, wird gerade von Einsteins Messvorschrift bestätigt. Das erste Gedankenexperiment Einsteins (praktisch ist es nie durchgeführt worden) beruht also auf einem logischen Fehler, sogar einem recht primitiven. Einstein bemerkt ihn nicht, wie er noch viele logische Fehler nicht bemerken wird, und setzt seine Argumentation fort ... Die Gleichzeitigkeit zweier Ereignisse definiert er dahin, dass die Signale dieser Ereignisse gleichzeitig, d. h. bei einem bestimmten Zeigerstand der Uhr, bei einem Beobachter eintreffen. Für zwei Beobachter bedeutet Gleichzeitigkeit, daß die Zeiger ihrer auf die beschriebene Weise synchronisierten Uhren beim Eintreffen der Signale gleich stehen. Die Signale sind Lichtsignale, manchmal primäre, manchmal reflektierte. Ein Signal braucht eine gewisse, von der Lichtgeschwindigkeit c und der Entfernung bestimmte Zeit, ehe es den Empfänger erreicht. In dieser Zeit durchwandern die Lichtwellen die Strecke zwischen Signalquelle und Empfänger. Bei sehr großen Entfernungen wird diese Zeit erheblich. Zu beachten ist noch, daß sich beide Uhren bei der Synchronisation zueinander in Ruhe und nicht etwa in Bewegung befinden.
Der «Einstein-Zug»
Einstein illustriert seine Gleichzeitigkeits-Definition mit einem Gedankenexperiment. Er arbeitet in diesem Stadium nur mit Gedankenexperimenten, ein sonst in der Naturwissenschaft verpöntes Verfahren. Die Wissenschaft verlangt reale Experimente. Einsteins Gedankenexperiment betrifft den Signalempfang durch einen ruhenden und einen in einem Eisenbahnzug fahrenden Beobachter. Knapp vor und hinter dem mit der Geschwindigkeit v fahrenden Zug schlagen gleichzeitig zwei Blitze ein. In diesem Augenblick befindet sich der ruhende Beobachter M genau in der Mitte vor dem Zug auf dem Bahndamm. Der mitfahrende Beobachter M' sitzt in der Zugmitte auf dem Zugdach und befindet sich in diesem Augenblick genau gegenüber dem ruhenden Beobachter M. Die Gleichzeitigkeit der Blitzeinschläge gilt nach Einstein nur für den Mann auf dem Bahndamm, den die beiden Lichtsignale, weil sie den gleichen Weg mit der Geschwindigkeit c zurückzulegen haben, in der Tat gleichzeitig erreichen. Den Mann auf dem mit der Geschwindigkeit v fahrenden Zug erreichen sie nicht gleichzeitig. Das vordere Signal, dem er entgegenfährt, erreicht ihn früher, das hintere Signal, von dem er sich wegbewegt, während die Lichtwelle die Distanz durcheilt, erreicht ihn später. Die synchronisierten Uhren zeigen es. M' folgert, daß die beiden Einschläge nicht gleichzeitig stattgefunden haben. Die Signale, die ihn in den Zeitpunkten t'1 und t'2 erreicht haben, sind bei dem ruhenden Beobachter M beide zur Zeit t eingetroffen, t ist nicht gleich t'. Die Voraussetzungen dieses Gedankenexperiments sind ungeheuerlich, obwohl Einstein davon nicht spricht. Der Zug muß mindestens 100 000 Kilometer lang sein, wenn bei normaler Geschwindigkeit ein Unterschied im Eintreffen der Signale beobachtbar werden soll. Oder er muß mit einer Geschwindigkeit von 100 000 Kilometern in der Sekunde fahren. Wieweit dabei irgendwelche Wahrnehmungen möglich sind, wird nicht gesagt. Die postulierten Wahrnehmungen erfolgen anders als beim Michelson- Morley-Versuch. Interferenz wird nicht verwendet, es werden einfache optische Eindrücke angenommen. Der in der Relativitätstheorie vielverwendete «Einstein-Zug» ist ein sonderbares, phantastisches Gebilde, das von der Wirklichkeit und den einfachsten experimentellen Anforderungen so weit entfernt ist wie nur möglich. Er sieht nicht aus, als ob er als Grundlage für gewaltige physikalische und philosophische Umwälzungen geeignet wäre. Wir wollen trotzdem auf Einsteins Argumentation näher eingehen. In welcher Beziehung steht dieses Gedankenexperiment zur Konstanz der Lichtgeschwindigkeit und wieweit demonstriert es die Relativität der Gleichzeitigkeit? Für den ruhenden Beobachter M ist die Sache klar: er rechnet für seine Eindrücke mit gleicher Lichtgeschwindigkeit c in beiden Richtungen. (Einstein erklärt ausdrücklich, damit wolle er nichts über die Natur des Lichts aussagen; er stipuliere die Konstanz von c in beiden Richtungen, um überhaupt zu einer Definition der Gleichzeitigkeit zu gelangen.) Überlegt sich nun M, was der fahrende Beobachter M' sehen wird, so muß er nach allem Augenschein für diesen zwei verschiedene Signalgeschwindigkeiten c + v (vorderes Signal) und c — v (hinteres Signal) annehmen. Wenn M' die Bewegung seines Zuges kennt, muß er zu derselben Berechnung kommen wie M. Das ist ihm aber von Einstein verboten, sonst käme die absolute, mit M gemeinsame Zeit wieder herein. Zwar ist schon im Ansatz des Gedankenexperiments angedeutet worden, daß er den vorderen Blitz früher sieht, weil er ihm entgegenfährt, und den hinteren später, weil er von ihm wegfährt: der Signalweg ist für den Unterschied maßgebend. Aber plötzlich hat M' das zu vergessen. Er hat nichts anzunehmen, als daß c für alle wie immer bewegten Beobachter, also auch für ihn, gleich ist. Wenn er dann nicht dasselbe sieht wie M, die Signale also nicht gleichzeitig bei ihm eintreffen, so kann das nur davon kommen, daß die Signale nicht gleichzeitig ausgesandt worden sind. Der vordere Blitz hat früher eingeschlagen als der hintere. Die Orientierungs- und Urteilsmöglichkeiten des Beobachters M' sind durch eine vorher erlassene Vorschrift eingeschränkt. Die «Verschiedenheit der Zeit» in beiden Systemen folgt nicht aus den Tatsachen, sondern aus einer Deutung, die das, was bewiesen werden soll, schon vorwegnimmt. Einstein lässt die Figuren in seinen Gedankenexperimenten immer so denken, dass die Relativitätstheorie herauskommt. In der Logik nennt man das eine petitio principii. Nun erhebt sich die Frage, ob eine Trennung der beiden Zeitsysteme überhaupt durchführbar ist. Der phantasierte Vorgang spielt sich offenkundig im Rahmen einer gemeinsamen Zeit ab. Einstein postuliert ja, dass im Augenblick der Einschläge der fahrende Beobachter M' dem ruhenden Beobachter M genau gegenübersteht. Dann gibt es also für beide a priori eine Gleichzeitigkeit, ebenso für die Blitze, denn diese schlagen ja genau in diesem Augenblick ein. Zwischen den Beobachtern untereinander wie zwischen ihnen und den Blitzen besteht eine apriorische Zeitbeziehung. Es ist die gemeinsame, absolute Zeit (Nordenson 1969,8. 57). Zu demselben Schluss kommt Bergson (1921), der sonst für Einstein ist. Der Philosoph sagt, dass nur die erlebte Zeit von M real ist; die Zeit von M' ist fiktiv und konstruiert. Nur die Zeit der Wahrnehmung der Signale, aber nicht die Zeit ihrer Entstehung kann sich in dem bewegten System ändern. Das lässt sich mit c + v und c — v, oder mit einer entsprechenden Berechnung der Signalwege, ausreichend erklären. Es ist nicht wie beim Michelson-Morley- Experiment, wo c + v und c — v vorher angenommen wurden, das Ergebnis aber nichts von ihnen merken ließ. Beim Zug-Experiment können c + v und c — v vorher angenommen werden - und das Ergebnis bestätigt diese Annahme. Der Versuch ist von anderem Typ als der Michelson-Morley- Versuch, auf den er sich scheinbar stützt. Es besteht hier kein Anlass, eine konstante Lichtgeschwindigkeit einzuführen, um das Ergebnis zu deuten. Gleichzeitigkeit in verschieden bewegten Systemen ist durchaus möglich, wenn die Bewegung im Rahmen einer gemeinsamen Zeit in die Berechnung eingesetzt wird. Einstein betont jedoch immer wieder: die Annahme einer absoluten Gleichzeitigkeit ist bei räumlich entfernten Ereignissen sinnlos, denn sie fußt auf einer nicht nachweisbaren absoluten Zeit. Born (1964, S. 194) sagt sogar, man müsse sich darüber wundern, dass dies nicht früher entdeckt worden sei. Es sei das Ei des Kolumbus. Mit dem Ei des Kolumbus hat diese Geschichte in der Tat den logischen Sprung gemeinsam: Kolumbus mußte das Ei erst durch Aufschlagen an den Tisch geeignet verändern, ehe er es auf die Spitze stellen konnte ... Die Unmöglichkeit der absoluten Gleichzeitigkeit ist keine Entdeckung, sondern ein Postulat. Das geschilderte Gedankenexperiment scheint nicht geeignet, es zu beweisen. Es beweist, wenn überhaupt etwas, die Unentrinnbarkeit der absoluten Zeit.
Walter Theimer, Relativitätstheorie - Lehre, Wirkung, Kritik ISBN 3-900800-02-2
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